Bamberger Appell


Prof. Dr. Dr. Kappos, BÄK - Ärzteinitiative Bamberger Appell

 

Bamberg, den 10.01.09

 

An alle Ärztinnen und Ärzte in den Bayerischen Gesundheitsämtern

 

Bitte um Aufklärung der Öffentlichkeit über Vorsichtsmaßnahmen

 

Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege,

 

ein aktueller Artikel von Prof. Dr. Dr. A. Kappos, Stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Umwelt der Bundesärztekammer, mit dem Titel „Das Mobilfunk-Risiko aus ärztlicher Sicht" in der Zeitschrift Technikfolgenabschätzung - Theorie und Praxis Nr. 3, 17. Jg., Dezember 2008, erscheint uns sehr wichtig für die Gesundheit der Bevölkerung. Daher möchten wir Ihnen Auszüge hieraus zugängig machen.

 

Auszug:2- Würdigung der Ergebnisse des DMF S. 31:

 

Wie auch die bewertende Stellungnahme der Strahlenschutzkommission aufführt, bestehen allerdings nach wie vor Wissenslücken und damit weiterer Forschungsbedarf. Insbesondere die Frage nach möglichen athermischen Wechselwirkungsmodellen, die Frage nach individuell spezifischer Elektrosensibilität bestimmter Personen oder Personengruppen und die Möglichkeit von Langzeitwirkungen ist weitgehend ungeklärt. Die Ergebnisse des DMF können somit nicht als Beleg für die Nichtexistenz athermischer Wirkungen der elektro-magnetischen Felder interpretiert werden. Seit der Beobachtung des sogenannten „Radiowellen-Syndrom" durch Erwin Schliephake 1932 (Schliephake 1932) wurde, wie oben angedeutet, eine große Zahl von Arbeiten publiziert, die funktionelle Gesundheitsstörungen im Zusammenhang mit der Exposition durch hochfrequente elektromagnetische Strahlung beschreiben. Ebenso existieren plausible pathophysiologische Erklärungsmodelle nicht-thermischer Wirkungen auf die komplexen Regulationsmechanismen des menschlichen Organismus. Diese sind nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen. Eine umfangreiche Zusammenstellung aus alternativmedizinischer Sicht findet sich z.B. bei Hecht (2008).

 

3- Der präventionsmedizinische Aspekt

 

Der erste Aspekt ist der der Prävention. Er betrifft die ärztliche Verpflichtung, Leben und Gesundheit des Menschen zu schützen und eine hohe Lebensqualität zu gewährleisten. In Anbetracht der vielen noch offenen wissenschaftlichen Fragen bezüglich der gesundheitlichen Bedeutung einer möglicherweise lebenslangen Exposition mit hochfrequenten elektro-magnetischen Strahlen kann der Arzt nur zur Vorsicht mahnen. Ärztlicherseits ist zu fordern: Bevor die Unbedenklichkeit der lebenslangen Exposition nicht evident ist, sind alle technischen und organisatorischen Möglichkeiten zu nutzen, um die Emission elektromagnetischer Strahlen im Umfeld des Menschen zu minimieren. Mit anderen Worten ist zu fordern, dass Mobil- und DECT-Telefone sowie drahtlose Computer-einrichtungen möglichst strahlenarm arbeiten und mit Vorrichtungen versehen sind, die sie automatisch abschalten, wenn sie nicht in Gebrauch sind. ...Kinder und Jugendliche sind besonders zu schützen.

 

4- Das Phänomen der Elektrosensibilität S. 32:

 

Der zweite Aspekt der ärztlichen Beschäftigung mit gesundheitlichen Wirkungen elektromagnetischer Strahlung ist der klinisch-kurative. Er betrifft die Verpflichtung des Arztes, Kranken ihr Leiden zu mildern und nach bestem Wissen alles zu tun, um Ge-sundheit und Lebensqualität wiederherzustellen. ...Die für die Beschwerden als Ursache angesehene elektromagnetische Strahlung ist dabei meist in einem Dosisbereich weit unterhalb der behördlicherseits vorgegebenen Grenzwerte.

 

5- Eine Fallbeschreibung S. 33:

 

Als Beispiel für das Phänomen der Elektrosensibilität sei der Fall einer Ärztin berichtet, die selbst Betroffene ist. Diese Ärztin schildert ihren Leidensweg wie folgt: Anfang September 2004 traten zunächst nur kurzzeitige (wenige Minuten andauernde) „Anfälle" mit Unwohlsein, Angstgefühl, Schwindel, Konzentrationsstörung und dem Gefühl, die Umgebung, „wie durch einen Nebel" zu sehen, auf. Erstmals kam es zu nächtlichem Aufwachen mit dem oben be-schriebenen Beschwerdebild. Auch wurde ein erhöhter Blutdruck gemessen (150/90 mmHg), der früher nicht bekannt war. In den folgenden Wochen kam Kollapsneigung, Druckgefühl über dem Brustkorb, Schmerzen vom Rücken in die linke Brustseite ausstrahlend und Herzrasen hinzu. Der Blutdruck nahm weiter zu (bis 180/110 mmHg). Zusätzlich traten in der Folgezeit Übelkeit, Durch-fälle und Muskelzittern wie bei Schüttelfrost auf. Alle in diesem Kontext denkbaren und bei der Patientin durchgeführten internistischen Untersuchungen waren ohne pathologischen Befund. Am 3.10.04 kam es zur Notfallaufnahme im örtlichen Krankenhaus. Es wurde der Verdacht auf ein Phäo-chromocytom geäußert. Während des stationären Aufenthalts zur Abklärung dieses Verdachts besserten sich die Symptome, traten aber nach Rückkehr in das eigene Haus prompt wieder auf. Ende November waren die Beschwerden so stark, dass innerhalb mehrerer Nächte hintereinander lediglich für zwei bis drei Stunden geschlafen werden konnte. Meist war dies nur in einem der Kinderzimmer möglich, das in einem anderen Stockwerk des Hauses lag. Bei längerer Abwesenheit von zu Hause kam es dagegen immer zu deutlicher Besserung. Anfang Dezember begannen jedoch die Schlafstörungen immer massivere Ausmaße anzunehmen; „(...) diese veranlassten mich zum Aufsuchen der Neurologin und des Psychotherapeuten. Da ich nicht an eine Depression als Ursache der Beschwerden glaubte, scheute ich mich davor, mit (einer antidepressiven) Medikation zu beginnen. Im Gespräch mit dem Psychotherapeuten wurde mir der psychosomatische Ansatz im Verständnis des Hochdrucks dargelegt. Mögliche Ursachen aus psychischer Sicht für das beschriebene Krankheitsbild aus meiner familiären und beruflichen Situation wurden beleuchtet und zumindest eine Mitverursachung nicht ausgeschlossen. Ich begann über eine psychotherapeutische Behandlung nachzudenken." Ende Januar 2005 erfährt die Betroffene, eher zufällig, von den Strahlenexpositionen, die von DECTTelefonen ausgehen sollen. Vom Ehemann daraufhin veranlasste Messungen am Schlafplatz ergaben 400 µW/m², nach Ausschalten des Basisgeräts 10 µW/m². Das DECT-Telefon war im Hause der Betroffenen seit Sommer 2003 in Betrieb. Die Betroffene dazu: „Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich vor meiner eigenen Krankheitsgeschichte es für eher unwahrscheinlich hielt, dass überhaupt eine gesundheitliche Gefährdung von Hochfrequenzstrahlung - in Form von Handys und Sendemasten - ausgehen kann. Dass Schnurlostelefone nach dem DECT-Standard auf der gleichen Technik beruhen, wusste ich nicht (hatte mir auch nie besonders Gedanken um derartige Dinge gemacht). Als mein Mann mir vorschlug, in dieser Hinsicht unseren Schlafplatz untersuchen zu lassen, habe ich mir nicht viel Hoffnung gemacht, dass dies eine Lösung meines gesundheitlichen Problems bringen würde, denn ich hatte schon so viele Ansätze verfolgt, die alle keine Besserung gebracht hatten. Noch zu dem Zeitpunkt war meine Einstellung: ‚Schaden kann es ja nicht, man darf nichts unversucht lassen.' Ich war letztendlich auch sehr verzweifelt!" Als sich die Symptomatik nach Umstellung der Basisstation des DECT-Telefons besserte, entschließt sich die Familie statt der DECT-Anlage wieder ein „Schnurtelefon" zu installieren. „Nach einer Woche sistieren die Durchfälle. Zwei Wochen nach der Umstellung schlafe ich erstmals nachts mit nur kurzen Unterbrechungen. Der Blutdruck lässt sich besser kontrollieren, nach 3 Wochen reduziere ich erstmals die antihypertensive Dosis. Im März schlafe ich erstmals ohne nächtliches Aufwachen. Seitdem bin ich beschwerdefrei. Ich messe mehrmals wöchentlich den Blutdruck, der nur selten Werte um 140/80 erreicht." Naturkundlich ausgerichtete Ärzte, vor allem in Süddeutschland, sammeln und publizieren seit einigen Jahren ähnliche Fälle elektrosensibler Patienten mit dem Ziel, Behörden und Industrie zu bewegen, Maßnahmen zur Reduktion der elektromagnetischen Felder zu veranlassen.

 

6- Studien zur Elektrosensibilität S. 34:

 

Trotz des nicht unerheblichen Aufwands hat das DMF mit diesen Untersuch-ungen wenig dazu beigetragen, die Beurteilung eines Falles wie des oben geschilderten zu erleichtern. ...Die Diagnose einer somatoformen Funktionsstörung wie bei der Untersuchung von Dahmen führt ebenfalls nicht weiter, da es sich dabei definitionsgemäß um ein psychiatrisches Krankheitsbild handelt, bei dem die betroffenen Personen angeben, unter körperlichen Symptomen zu leiden, für die keine körperliche Ursache gefunden werden kann (Dahmen 2005). S. 35: Die Patienten werden dann eben mit der „Ausschlussdiagnose" somatoforme Störung abgespeist und quasi „psychiatrisiert". Soweit es sich um physikalisch messbare Symptome (wie z.B. die Blutdruckerhöhung bei der obigen Patientin) handelt, wären prinzipiell doppelt-blind angelegte Karenz-Expositionsversuche denkbar. ...Es sind deshalb mehr sorgfältig kontrollierte wissenschaftliche Untersuchungen an betroffenen Einzelpersonen erforderlich. Dem Verfasser sind dabei durchaus die methodischen Probleme bewusst, die sich aus den unterschiedlichen zu untersuchenden Expositionsbedingungen, der Vielfalt der zu beobachtenden Endpunkte und den möglicherweise komplexen (nicht linearen?) Wirkungsbeziehungen und Latenzzeiten ergeben. Aber abgesehen von dem wissenschaftlichen Interesse an Erkenntnis, haben klinisch tätige Ärzte das Problem, dass es sich bei den Betroffenen um schwer leidende Menschen handelt, denen therapeutisch geholfen werden muss. Ende des Auszuges Die im Fallbeispiel erwähnte Ärztin wurde wieder gesund nach Umstellung auf ein Kabeltelefon. Viele Menschen, auch Ärzte, leiden unter verschiedensten, unerklärlichen Symptomen und ziehen jedoch aufgrund fehlenden Wissens die Möglichkeit eines kausalen Zusammenhangs mit Hochfrequenzexposition gar nicht in Erwägung. Daher unterlassen sie einen Therapieversuch mit Expositionskarenz. Wie viele Menschen könnten beschwerdefrei sein! Viele wissen gar nicht mehr, wie es ist, gesund, tatkräftig und fröhlich zu sein. Im Sinne der gesundheitlichen Prävention bitten wir Sie daher, die ärztlichen Forderungen von Prof. Kappos zur Minimierung der Hochfrequenzbelastung in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Auch das Bayerische Landesamt für Umwelt empfiehlt Schnurlostelefone auszuwählen, deren Basisstation nur während eines Telefongespräches sendet (Zeitungsinterview mit Dr. Thomas Hentschel vom 22.12.08). Dr. Hentschel selbst ist mit Kabeltelefon abgebildet! Im Anhang finden Sie zwei Fallbeispiele von Kindern, die durch DECT-Telefone erkrankt bzw. erheblich beeinträchtigt waren. Vier ausgewählte Studien im Anhang mögen Ihnen beispielhaft zeigen, dass es pathophysiologische Erklärungsmodelle (Barteri, Huber), veröffentlichte Erkrankungsfälle (Hocking) unterhalb der geltenden Grenzwerte und Krankheitshäufungen an Mobilfunkstandorten (Abdel- Rassoul) gibt. Vielleicht kann Ihnen unser Fragebogen bei aufgetretenen Erkrankungen nützlich sein.

 

Internetadressen: www.kompetenzinitiative.de , www.kinder-und-handys.de , www.diagnosefunk.org , www.der-mast-muss-weg.de

 

In großer Sorge i.A. Dr. med. C. Waldmann-Selsam

 

 

Anlagen:

 

Fallbeispiel - DECT-Telefon, L.K., geb. 1998

 

Fallbeispiel - DECT-Telefon, J.K., geb. 1995

 

Schreiben an Bundeskanzlerin Dr. A. Merkel vom 19.09.2008

 

EMF-Fragebogen

 

Neuropsychiatrische Beschwerden bei Anwohnern von Mobilfunkbasisstationen, Kurzfassung der Studie von Abdel-Rassoul (2006) Hocking, B., Westerman, R. (2001):

 

Neurological abnormalities associated with CDMA exposure, Occup. Med. 51: 410-413, 2001 Huber, R. et al (2002): Electromagnetic fields, such as those from mobile phones, alter regional cerebral blood flow and sleep and waking EEG, J.Slee. Res. (2002) 11,

 

289-295 Barteri, M., Pala A., Rotella S. (2005): Structural and kinetic effects of mobile phone microwaves on acetylcholinesterase activity, Biophysical Chemistry 113 (2005)

 

245-253 Abdel-Rassoul, G. et al. (2006) : Neurobehavioral effects among inhabitants around mobile phone base stations; NeuroToxicology (2006),doi :10.1016

Was ist der Bamberger Appell?


Schon 77 Ärztinnen und Ärzte aus Bamberg haben einen Appell an Politiker, Wissenschaftler und Verantwortliche des Gesundheitswesen unterschrieben. Sie fordern diese auf, den weiteren Ausbau der Mobilfunktechnologie zu unterbinden und die Bevölkerung über die Gesundheitsrisiken bei der Benutzung von Handys aufzuklären. Der "Bamberger Appell" wurde von Medizinern unterschiedlichster Fachrichtungen unterzeichnet. Unter ihnen auch der Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum.

 

Die Ärzte-Initiative möchte eigenen Angaben zufolge ein Umdenken bei den politischen Entscheidungsträgern in Stadt, Land und Bund anstoßen. Aktueller Hintergrund sind die im Rathaus vorliegenden Anträge zur Aufstellung von mehreren zusätzlichen Mobilfunkantennen innerhalb Bambergs. Die Menschen in den einzelnen Vierteln sind besorgt und versuchen die Installationen zu verhindern. In ihrer Sorge um die eigene Gesundheit und vor allem die ihrer Kinder suchten viele den Rat ihrer Ärzte.

Quelle: elektronews